Eonata - Die Wirklichkeit

Die Anfänge der Stadt verlieren sich im Dunkel der Legenden. Angeblich hatte sie ein gewisser Parla Ethir im ersten Baloraska, also in der Epoche von 12.959 bis 12.779 vor Beginn der senatorischen Zeitrechnung gegründet. Das älteste belegbare Datum ist 108 Temergeva, also 4.051 vor der Zeitrechnung. Damals wurde die Tempelschule von Eonata gegründet und eine Bibliothek aus Tontafeln angelegt. Natürlich haben sich die Eonater als Herren des Umlandes gefühlt. Die Tempelaufzeichnungen verraten, daß aus den umliegenden Ortschaften die höheren Priester ihre letzte Ausbildung und ihre Weihen in Eonata erhielten.

Ab dem Sovageva, also etwa 3.800 vor der Zeitwende, berichten die Tempelaufzeichnungen von Bronze als neuem Werkstoff. Da Eonata in einem rohstoffarmen Gebiet liegt, war es auf die Einfuhr von Kupfer und Zinn angewiesen. Hierbei schienen sich die Eonater zu bewähren, denn die Stadt wuchs zu einem in ganz Meidon einzigartigen Zentrum der Kultur und der Verwaltung heran. Der Priestersenat kontrollierte damals Gebiete von unserer Nord- und Ostsee bis weit nach Frankreich, Polen und Italien hinein. Inwiefern dabei von Herrschaft gesprochen werden darf, ist heute fraglich, jedoch war Eonata das anerkannte Zentrum des Glaubens an den Vater der Sonne, der von den Atlantern der Große Sun genannt wurde.

Im Zeitalter Majoralon tritt mit Parla Ethirion plötzlich ein König auf, der ab 30 Balormajo / 2.129 v.d.Z. die Stadt und große Teile Meidons regiert. Mit der frühen Königsherrschaft beginnt in Meidon die Eisenzeit. Die Tontafeln werden langsam durch Pergament abgelöst. Der eonatische Einflußbereich wird um ca. 2.000 auf die litarischen Inseln (Britannien) ausgedehnt. Parla Ethirion soll eine ganze Epoche gelebt und geherrscht haben – unglaubliche 180 Jahre! Die selbe Lebensspanne wird den folgenden elf Ethirion-Königen zugeschrieben.

Die Königszeit ist für Eonata die klassische Periode. Der gesamte Kontinent wird erschlossen, es herrscht Friede und die Städte entwickeln sich. Im 14. Jahrhundert vor der Zeitenwende werden unter König Angor Ethirion die Handelswege um das Binnenmeer (Mittelmeer und Schwarzes Meer) erschlossen. Spätestens ab dem 10. Jahrhundert regieren die Könige von Eonata vom Nordkap bis fast zum Äquator und vom Atlantischen Ozean bis zum Zweistromland.

Die Beschaulichkeit der Königszeit endet mit Semor Ethirion. Ab 144 Ethamajo (35 v.d.Z.) beginnt sich Eonata auf einen neuen Abschnitt der Geschichte vorzubereiten. Die Weichen dazu stellt Belon Saret, der Sprecher des Senats und Vertraute von Semor Ethirion. (Auf Belon Saret stoßen wir in Band xx der Thoras-Geschichten, deshalb gehe ich hier nicht näher auf ihn ein / Anmerkung des Verfassers)

Mit dem neuen Zeitalter Eseralon führt der Senat die fortlaufende Jahreszählung ein. Der konservative Vorschlag lautete, das Jahr 1 Balorese zum Jahr 12.960 nach Parla Ethir zu erklären und mit dieser Zählung fortzufahren. Die Mehrheit des Senats sprach sich jedoch dafür aus, ein klares Zeichen des Neubeginns zu setzen und dieses Jahr als Jahr 1 in den Kalender aufzunehmen.

Mit dem neuen Zeitalter wurde auch die alte Weltsicht aufgebrochen. Am 9. Sagros 171 Ethamajo, also acht Jahre vor der Zeitenwende, wurde in einem kleinen Dorf am Nordrand der Provinz Nelen ein gewisser Sergon Talestra geboren. Sein Großvater, Atlan Talestra, hatte sich 27 Jahre zuvor dort angesiedelt und es zu einem recht wohlhabenden Bauern gebracht. Seinen Enkel jedoch zog es aufs Meer. Sergon absolvierte die Nautik-Schule in Nelen und erhielt am 28. Almira 22 sein Patent als Kapitän. Schon eineinhalb Jahre später besaß er mit der BELONIA sein eigenes Schiff (Dreimaster, 320 Tonnen). Nachdem er Schiff und Besatzung im Binnenmeer eingeübt (und zweifellos ein wenig Geld verdient) hatte, steuerte er Anfang des Jahres 25 stur nach Westen in den atlantischen Ozean. Schon am 15. Logran entdeckt er eine große Insel und nennt sie nach seinem Großvater Atlantis. Am 19. Logran erreicht er Poseidonis und schließt bald darauf mit dessen Herrscher, Fürst Pilides, ein erstes Handelsabkommen.

In der Folgezeit umsegelt Sergon Atlantis und weist so dessen Inselcharakter nach. Am 13. Logran 26 gründet er an der Westküste der Insel eine Siedlung an einem natürlichen Hafen, die den Namen Tschitar erhält. Von dort aus steuert er wieder nach Westen und entdeckt die Westlande (Amerika). In den Jahren 34 bis 37 umrundet Sergon schließlich die Erde und weist so deren Kugelgestalt nach. Am 20. Quadris 37 geht der größte Seefahrer aller Zeiten schließlich für immer an Land und erwirbt in Schiltake, einem kleinen Dorf, das zum Fürstentum Poseidonis gehört, ein Landgut.

Dem Senat von Eonata steht nun die ganze Welt offen. Dafür lernen die Meidonier bald ein neues Wort kennen: Krieg! Nomaden überfallen im Jahr 85 die Stadt Engor, den östlichsten Seehafen im Zweistromland. Dieser Krieg wird dank der technischen Überlegenheit der Meidonier siegreich beendet.

146 wird der Senat erweitert. Den bisherigen 16 Vollmitgliedern, die alle dem Tempel entstammen, werden acht Laien zugeordnet, welche die Provinzen des prosperierenden Reiches vertreten und kein Stimmrecht besitzen. Nach und nach erhalten die Provinzialräte mehr Einfluß. Ab 164 dürfen sie in den ihre Provinz betreffenden Angelegenheiten mitstimmen, ab 176 werden sie zur Hälfte vom Volk ihrer Provinz gewählt. 204 schließlich wird die Zahl der Volksvertreter auf 32 erhöht. 234 erhalten die Volksvertreter das volle Stimmrecht.

Schon 183 wird dem Senat ein neuer Apparat vorgestellt, eine doppelwirkende Dampfmaschine. Hier bewähren sich das erste Mal die Volksvertreter, denn der Bau weiterer solcher Maschinen wird zugelassen. 246 kämpfen dampfgetriebene eonatische Rammschiffe gegen besarische Kanonensegler. Das Besarische Reich (China) stellte sich eonatischen Handelsofferten schon früher entgegen, jetzt begann am anderen Ende der Erde ein Kampf um die Weltmacht. Dabei zahlte sich die bessere Manövrierbarkeit der Dampfschiffe aus, bei den Waffen waren die Meidonier jedoch bis 249 auf Beutestücke angewiesen, bevor sie eigene Kanonen herstellen konnten. Der Seekrieg vor der besarischen Küste endete 250 mit einem Sieg der Meidonier.

Im Jahr 500 fuhren bereits Eisenbahnen über die Kontinente. Der Senat von Eonata ernannte acht Weltstädte als Schwesterstädte von Eonata, die jedoch alle auf Meidon selbst oder an der Südküste des Binnemeeres lagen. Dieses Jahr markierte aber auch eine Wende. Der wissenschaftliche Fortschritt, der in den letzten 500 Jahren die Meidonier zu Herrschern der Welt gemacht hatte, kam plötzlich zum Erliegen. Der für alle Seiten profitable Welthandel wurde deutlich reduziert. Nichtmeidonische Völker strebten plötzlich nach Unabhängigkeit, während die eonatischen Staatsfinanzen durch lokale Katastrophen zerrüttet wurden. Das dunkle Zeitalter der Stagnation dauerte gut 1.500 Jahre, in denen zwar keine größeren Konflikte stattfanden, aber das alte Gemeinschaftsgefühl immer mehr zerbröckelte.

In der Epoche Ethanese, an der Wende zum dritten Jahrtausend, begannen sich die zentripetalen Kräfte immer deutlicher zu manifestieren. Ein paar Historiker feierten das heraufdämmernde Zeitalter Sovaralon und hofften auf neue Impulse, doch statt dessen erfolgte der Todesstoß für das alte, umfassende Imperium von Eonata. Die Stadt Avenia versuchte als erste, das entstandene Vakuum zu füllen. Aus ihrer Handelsgilde erwuchsen die Bestrebungen, das Steuergeld nicht mehr ins dekadente Eonata zu überweisen, sondern zum eigenen Nutzen auszugeben. Die Avenier warben Verbündete und gründeten schließlich 2.164 ein eigenes, unabhängiges Reich. Dieses Reich versuchte, die litarischen Inseln für sich zu gewinnen. Die Litarier hofften zunächst auf eine Intervention aus Eonata, doch als diese ausblieb, erklärten auch sie sich 2.166 zur eigenständigen Nation.

In einer Konferenz wurde 2.173 das alte Reich formal für tot erklärt. Eonata behielt nur noch die Zuständigkeit für den Glauben. Als Staat wurde es auf sein direktes Umland beschränkt (entspricht vage dem bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken) und für neutral erklärt.

Schon 2.174 annektierten avenische Kriegsschiffe Nelen. Im Ärmelkanal tauschten avenische und litarische Schiffe erste Salven. 2.175 warb Avenia die Städte am Klera (Rhein) gewaltsam für einen Beitritt. Dagegen bildete sich ein erster Städtebund unter der Führung Leonias (Prag); der Süden Meidons schloß sich 2.179 zum Baldurischen Bund zusammen.

2.178 bis 2.180 führten das Avenische Reich und Litaria einen regelrechten Seekrieg, der unentschieden endete, aber die Avenier dazu brachte, für Jahrhunderte auf eine Expansion in Meidon zu verzichten.

Die Avenier versuchten, sich in den Südlanden und in Atlantis auszubreiten. In Atlantis stießen sie mit dem Königreich Mesantia zusammen, das exakt die gleiche expansionistische Idee verfolgte. Der Krieg von 2.304 endete mit einem äußerst verlustreichen Sieg für Mesantia, weil der Senat von Avenia die Kosten für einen ernsthaft geführten Krieg über einen Ozean hinweg scheute. Die Südlande versprachen, eine preisgünstigere Beute zu werden.

Eonata selbst reagierte auf die neue Zeit mit einer Revolution. Durch die schmal gewordene Bevölkerungsbasis ging dem Tempel der Nachschub an geeigneten Waisenkindern für die Dreiheiten aus. Diese Dreiheiten gehören zu den dunkelsten Kapiteln der dunklen Zeit des späten Eseralon. Offiziell wurden diese sehr jungen Leute als Altardiener bezeichnet, in Wahrheit diente ihre Existenz nur einem Zweck: Sie opferten ihre eigene Lebenskraft dem großen Siral des Hauptaltars, der diese in einen Empfänger weiterleitete. Diese Empfänger waren „verdiente“ Bürger, also Senatoren aus dem Priesterstand. Es ist ungewiß, ob diese Praxis schon zur Königszeit betrieben wurde und so für das lange Leben der Monarchen sorgte, jedenfalls wurden Angehörige einer solchen Dreiheit selten älter als 25, während sich manche Senatoren nach mehreren solchen Übertragungen noch mit 150 Jahren bester Gesundheit erfreuten.

Anfänglich sorgte der Senat für Nachschub, indem er geeignete Kinder in den neuen Staaten einkaufte. 2.227 allerdings wurde das Geheimnis der Dreiheiten bekannt. Das Ergebnis war ein Riesen-Skandal, in dessen Verlauf der Tempel völlig entmachtet wurde. An Stelle der Senatoren trat ein Bürger-Komitee, das seine Mitglieder selbst berief. (Ein amtierendes Mitglied schlug einen neuen Kandidaten vor, über den Kandidaten wird gesprochen, dann dieser eingeladen, um sich vorzustellen. Schließlich wird über die Aufnahme abgestimmt.)

Das Bürger-Komitee hielt sich 66 Jahre, dann wurde es unter dem Druck der Bevölkerung aufgelöst. In der Spätphase wurden nämlich die Sitze im Komitee regelrecht verkauft. An Stelle des Komitees trat 2.293 der Rat der Acht. Diese acht Personen bildeten die Regierung der Stadt. Gesetze hingegen wurden öffentlich diskutiert und zweimal im Jahr dem gesamten Volk zur Abstimmung übergeben. Die Mitglieder des Rates wurden jeweils auf acht Jahre vom gesamten Volk gewählt.

Trotz des relativ kleinen Gebietes erwies sich diese Praxis als ziemlich unhandlich. In der dritten Periode wurde 2.309 ein Rat gewählt, der sich gegenseitig völlig blockierte. In der ersten Abstimmung 2.312 versuchten sechs der acht Räte, sich durch ein neues Gesetz vom Volk als Bürgermeister wählen zu lassen. Alle sechs Anträge wurden mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. In der zweiten Wahl probierte es einer der Räte ein zweites Mal – und bekam die Mehrheit! Ervan Melkor nutzte die ihm vom Volk übertragene Macht zu sofortigen Reformen, in deren Verlauf die übrigen Räte entmachtet wurden. 2.314 nutzte Ervan Melkor seine inzwischen erlangte Popularität aus und ließ sich zum Regierenden Bürgermeister auf Lebenszeit wählen. Faktisch wurde er damit zum Diktator von Eonata.

Ervan Melkor nutzte die Macht jedoch für seine Stadt. Bis 2.321 folgte ihm das Volk willig, dann wurde der erstaunlich große Einfluß seiner Frau Irina auf die Politik von Eonata aufgedeckt. Eine Kampagne der alten Patrizierfamilien gegen die „mitregierende Bürgermeisterin“ brachte Ervan beinahe zu Fall. In seiner Not entschloß sich Ervan Melkor zu einer Verzweiflungstat: Er legte dem Volk einen Gesetzesantrag vor, der das aktive Wahlrecht für Frauen beinhaltete. Mit 50,49% fiel die Entscheidung denkbar knapp, aber positiv aus. 2.322 konnten Ervan und Irina Melkor die Vertrauensfrage an das Volk stellen und ernteten mit 79,38% eine überwältigende Zustimmung.

2.332 führte Ervan Melkor den Senat als gesetzgebende Versammlung wieder ein. Zunächst wurden 32 Senatoren auf acht Jahre gewählt. 2.236 wurden weitere 32 Senatoren hinzugewählt, ebenfalls auf acht Jahre. Die Verfassung bestimmte fortan die Amtsdauer der Senatoren zu acht Jahren, wobei alle vier Jahre die Hälfte des Senats neu gewählt wurde. Nach Ablauf ihrer Amtsperiode konnten sich Senatoren erst in der nächsten Wahl, also vier Jahre später, zu einer erneuten Kandidatur aufstellen.

Ervan und Irina Melkor traten 2.338 von allen Ämtern zurück. Sie sterben beide 2.340 bei einem Verkehrsunfall, als die Pferde ihrer Kutsche durchgingen.

Die 2.341 beginnende Epoche sah Eonata als freie Republik. Während die anderen meidonischen Staaten Kolonialreiche aufbauten, arbeiteten die Eonater ganz gezielt im Innern. Der Tempel wurde restauriert, die Ausbildung der Priester reformiert. Eine neue Steuerordnung und ein strikter Sparkurs des Senats gaben dem frei von der Bevölkerung gewählten Bürgermeister finanziellen Spielraum. Gegen Ende des 24. Jahrhunderts genoß die Universität von Eonata unangefochten den Ruf, die beste Bildungsstätte der Welt zu sein.

Wenn die heutigen Hüter von Eonata als dem Paradies auf Erden sprechen, dann beziehen sie sich auf diesen Zeitraum, die Jahre nach Bürgermeister Melkor bis zur Vernichtung der Stadt. Ab dem 25. Jahrhundert war die Stadt das Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Diplomatie der ganzen Welt. Gerade wegen der äußeren Machtlosigkeit, also der fehlenden Eigeninteressen, fanden wichtige internationale Konferenzen in Eonata statt. Diese politische Stellung half auch dem Tempel, wieder zur Vormacht des Glaubens zu werden. Streitigkeiten in Konventen anderer Tempel wurden vor dem Konvent von Eonata zur Entscheidung vorgetragen. Der geschickteste Schachzug des Tempels bestand aus der Kontemplation, einer halbjährigen Weiterbildung für Priester aus anderen Ländern, die während dieser Zeit sogar Mitglieder des weiteren Konventes der Priesterschaft von Eonata wurden. Damit stellte die Stadt die Einheit der Lehre sicher – unter ihrer Führung.

So tolerant und fortschrittlich Eonata dank seines aktiven Wahlrechtes für Frauen erscheinen mag, letztlich blieb den Frauen die vollständige Gleichberechtigung versagt. Das passive Wahlrecht für Frauen wurde nicht mehr eingeführt, obwohl Ervan Melkor das in seiner Abschiedsrede vor dem Senat als Aufgabe für die nahe Zukunft angemahnt hatte. Ebenso blieben den Frauen der Tempel und die Universität verschlossen. Gerade weil die eigene Verfassung den Staat so effizient eingerichtet hatte und weil Eonata sich aller imperialistischer Abenteuer enthielt, überholten andere Länder Meidons Eonata in diesem Punkt. Die Männer, die in den Kolonialarmeen dienten, fehlten zu Hause an den Werkbänken. Statt ihrer arbeiteten Frauen in der Industrie und verdienten mit dem eigenen Geld auch ihre Unabhängigkeit. Frauen, die als Krankenschwestern die Verwundeten pflegten, erstritten schließlich das Recht, selbst Ärztinnen zu werden.

Einen Dämpfer erhielt das eonatische Selbstbewußtsein, als der Großkönig von Poseidonis, Dejon Krateros, 2.441 das Avenische Reich um Hilfe beim Aufbau seiner Militärakademie in Arden bat. Die Diskussionen im Senat wurden mehr als zwanzig Jahre geführt, bis man sich durchrang, eine eigene Militärakademie aufzubauen. Nach bester eonatischer Sitte setzte der Senat dafür eine Universitätskommission ein. Diese warb 38 Studenten an und gewährte diesen Stipendien an auswärtigen Militärakademien, wobei auch die Akademie in Arden berücksichtigt wurde. 2.470 wurde die Militärakademie von Eonata gegründet und zog sogleich den Spott anderer Nationen auf sich. Neben den 38 inzwischen zu Offizieren herangebildeten ehemaligen Studenten übernahmen zivile Professoren die Ausbildung. Zudem besuchten die Ausbilder zusammen mit ihren Zöglingen den Unterricht anderer Ausbilder. Eine Delegation aus Leonia, die diesen Betrieb eine Woche lang verfolgte, kehrte kopfschüttelnd in ihre Heimat zurück.

Die Akademie benötigte sechs Jahre, um die ersten Offiziere an die zahlenmäßig kleinen Streitkräfte von Eonata abzugeben. Gut die Hälfte der mühsam im Ausland herangebildeten Lehrkräfte wurden verschlissen und kehrten in jene Länder zurück, in denen ihr Verständnis eines Offiziers mehr galt als in Eonata. Der verbleibende Rest biß sich durch und ab 2.484 arbeitete die Akademie im regulären Betrieb. Von nun an holten Vertreter von Eonata Auskunft über jedes noch so kleine Scharmützel ein, um es an dieser Akademie in allen Einzelheiten zu analysieren. Eonata erwarb sich so den Ruf, die besten „Kreidesoldaten“ der Welt zu besitzen.

Als 2.588 der junge Großkönig Mejir II. Krateros vor seinem Hohepriester in die eonatische Botschaft in Poseidonis floh, schickte Eonata zwei Instruktoren der Militärakademie, um den „schwer erziehbaren jungen Mann“ auszubilden. Die Offiziere trafen auf einen überaus wißbegierigen Schüler. Wie gut diese Ausbildung war, zeigte sich ab 2.597, als der nun an die Macht gelangte Großkönig seine Heere mit neuen, überraschenden Taktiken gegen die noch unabhängigen Teile von Atlantis führte und schnelle Erfolge erzielte.

2.621 wurde Eonata Garantiemacht für das in einem Krieg gegen Avenia stark verkleinerte Leonia. In diesem Jahrhundert brachen immer wieder kleine und mittlere Kriege aus, bis schließlich 2.690 der Weltkrieg begann. Selbst Eonata, dessen Neutralität bisher von allen Seiten geachtet worden war, hatte im Laufe dieses Jahrhunderts seine Armee immer weiter vergrößert und verfügte nunmehr über eine Schutztruppe von 40.000 Mann. 2.691 kam es zum Bündnisfall, da Leonia überrannt werden sollte. Die gesamten eonatischen Schutztruppen rückten aus und verteidigten die Hauptstadt von Leonia gegen die avenische Übermacht. 2.692 verpflichtete sich Eonata, alle Kriegsaktivitäten auf Leonia zu beschränken und sein eigenes Gebiet für jedermann neutral zu halten. In diesem Krieg wurden Flugzeuge und Giftgas eingesetzt. 2.696 ging das Avenische Reich auf ein Angebot des Kaisers Krateros III. von Atlantis ein und warb Atlanter als Söldner an.

2.703 revoltierten die atlantischen Söldner und übernahmen die Macht in ganz Meidon. Die letzte Bastion war das von den Eonatern verteidigte Leonia. General Sergon Talestra zog seine Truppen zusammen und verhandelte mit dem eonatischen General Werton. Die Eonater wollten ehrenvoll „unter Waffen“ abziehen und sich auf heimatlichen Gebiet den Atlantern ergeben, wobei „unter Waffen“ bedeutete, daß jede Kompanie ein einziges Gewehr mit einem einzigen Schuß Munition mit sich führte. Sergon Talestra wollte diesen Vorschlag annehmen, Imperator Krateros jedoch bestand auf einer sofortigen bedingungslosen Kapitulation. Der achttägige Sturm auf Leonia wurde zur blutigsten Schlacht des ganzen Krieges, bei der „das Blut der niedergestreckten Atlanter die eonatischen Gräben füllte, bis die Verteidiger darin ertranken“.

Die Eonater in Leonia waren die erfahrensten Soldaten von ganz Meidon, denn ihre Reihen waren niemals mit atlantischen Söldnern aufgefüllt worden. In der Stadt Leonia gab es seit 2.694 keine Zivilisten mehr, sie waren allesamt evakuiert worden. Eonatische Militärhistoriker berechneten später, daß die Stadt bei voller Versorgung mit Munition trotz der zwölffachen atlantischen Übermacht nicht gefallen wäre. Aber auch so kamen auf einen gefallenen Eonater sechs tote Atlanter.

Über Eonata wurde ein hartes Besatzungsregime verhängt und die Stadt mußte sogar völlig unfähige atlantische Studenten an ihrer Universität aufnehmen. Die Professoren richteten folglich ein spezielles „Aufbaustudium“ ein, welches die Atlanter nicht überforderte und ihnen zugleich Raum ließ für den normalen Unterricht ihrer eigentlichen Studenten. Die Atlanter konfiszierten den Staatsschatz und die Kronjuwelen der Ethirion, jedoch sank das größte atlantische Schlachtschiff, welches das Beutegut nach Poseidonis bringen sollte, im Sturm. Um wenigstens ein „Andenken“ an Eonata zu besitzen, raubten die Besatzer den uralten Altar aus dem Tempel und brachten ihn im Triumph nach Poseidonis.

In der Stadt herrschte um 2.730 das sichere Gefühl, daß die atlantische Besatzung nicht ewig andauern würde. Ein konspiratives Klima begünstigte den Austausch geheimer Emissäre. Der Widerstand ganz Meidons wurde über den geschändeten Tempel organisiert. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Meidonier zurückschlagen würden...

Auch die Wissenschaftler Eonatas arbeiteten an diesem Ziel, allen voran der berühmte Tschandor Ferghi. Theoretisch hatte er das Problem der Fusionsenergie gelöst, es galt nun, die Gleichungen in die Praxis umzusetzen und so Eonata und Meidon zu einer unvergleichlichen Energiequelle zu verhelfen. Doch leider beging er in der Eile und Heimlichkeit seiner Konstruktion einen entscheidenden Fehler. Am 22. Paltas 2.731, um 9:17 Uhr, explodierte sein Reaktor in einem gigantischen Feuerball, der Eonata für immer vernichtete. Zurück blieb ein entvölkerter Kontinent, in dem ein Krater sich mit dem Wasser des Sejor füllte, an jener Stelle, an der für viele Jahrtausende das schlagende Herz einer prosperierenden Zivilisation gelegen hatte.