Eonata in atlantischen Archiven

In den staatlichen Archiven von Atlantis gibt es einige Informationen über Eonata. Dazu ist jedoch anzumerken, daß sich diese Archive hauptsächlich mit Atlantis selbst befassen und erst mit der Krönung von Palor I. Krateros zum König von Mesantia im Jahr 2.286 richtig einsetzen.

Über die früheren Kontakte mit Eonatern und Meidoniern überhaupt wird nur wenig berichtet. So soll die Zeitrechnung damit einsetzen, daß ein Kapitän Sergon Talestra Land östlich von Atlantis entdeckt hat. In seinem als Buch veröffentlichten Reisebericht schildert er hellhäutige Barbaren und ihre seltsamen Bräuche, jedoch ist inzwischen erwiesen, daß es sich bei diesem Buch um eine Fälschung aus dem ausgehenden zehnten Jahrtausend handelt, die direkt von der Familie Talestra finanziert worden ist.

Gegen Ende des fünften Jahrhunderts beginnt in Atlantis der Eisenbahnbau. Dabei erwähnt die Chronik, daß dafür Fremdarbeiter aus den östlichen Barbarenländern geholt worden waren. Verschiedentlich werden Handelsverträge erwähnt, welche die Barbaren mit atlantischen Fürstentümern und Königreichen abschließen, zudem gibt es Gesandtschaften an diversen Höfen.

1.993 gewährt König Medos III. von Kenosia „Leuten aus der Barbarenstadt Avenia, jenseits des Östlichen Ozeans“ Bergbaurechte in der Nähe seiner Hauptstadt. Der Geschichtsschreiber erspart sich die Begründung, warum ausgerechnet die Barbaren die Bodenschätze auf der Insel fördern. Hingegen erwähnt er, daß die Kohle damals im Tagebau gefördert wurde. Zudem wird zum ersten Mal Eonata genannt, denn 2.016 inspiziert eine Delegation des Senats von Eonata die Kohlengruben in Kenosia und erläßt Auflagen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für atlantische Bergarbeiter. 2.161 erhalten die Barbaren schließlich Steuerprivilegien in Kenosia.

Palos I. hatte einen herrenlos gewordenen Thron usurpiert. Als Heerführer des früheren Königs Poros VI. stand ihm die Armee zur Seite. Es gab vermutlich entfernte Verwandte des Königs oder andere Interessenten für den Thron, denn Palos I. schlug mehrere Schlachte, um sein Reich zu konsolidieren. Seinem Sohn, Palos II. Krateros, hinterließ er eine kampferprobte Truppe, die dieser unmittelbar nach seiner Krönung 2.296 weiter verstärkte. Im Staatsarchiv liegt noch immer der Erlaß, mit dem Palos II. die Steuern erhöhte, um seine Armee großzügig zu versorgen.

Fünf Jahre später, 2.300 schlug diese Armee los. Förmlich zum Aufwärmen eroberte Palos II. das schwache Fürstentum Talornis, im Jahr darauf das weitaus besser gerüstete Königreich von Kenosia. Dort erhöhte er die Steuern für die Meidonier und verlangte zudem einen Anteil an der geförderten Kohle und am erzeugten Stahl. Dies führte 2.304 zu einem Krieg, bei dem avenische Streitkräfte auf der atlantischen Insel operierten. Die Chronik erwähnt eine Waffenlieferung aus einem anderen östlichen Reich namens Litara, zudem einen Metos Talestra, der als General einen entscheidenden Umfassungsangriff in jener Schlacht anführte, in der Palos II. die Avenier zur Kapitulation zwang.

Über die Machtverhältnisse der meidonischen Staaten schweigt sich die Chronik aus. Sie berichtet aber, daß Palos II. kurz nach dem Krieg Ingenieure aus Eonata in sein Reich holte, um die beschädigten Förderanlagen wieder zu reparieren. Er akkreditierte zudem eine eonatische Gesandtschaft an seinem Hof in Mesantia. Das anscheinend gute Verhältnis zu den Eonatern dauerte an, denn als Palos V. Krateros Poseidonis einnahm und zu seiner neuen Hauptstadt erhob, übereignete er dem Senat von Eonata einen Palast mit mehreren Nebengebäuden und gewährte dieser Vertretung die exterritorialen Privilegien einer Botschaft.

Diese Botschaft spielte eine wichtige Rolle, als der Hohepriester Thulan Wandor 2.581 den siebenjährigen Mejir II. Krateros als seiner Marionette zum Großkönig krönen ließ. Der laut allen Berichten außergewöhnlich begabte junge König organisierte bereits 2.588 einen Putsch gegen seinen ungeliebten Vormund und mußte bei dessen Scheitern in die eonatische Botschaft fliehen. Fünf Jahre brauchte er, um aus der Botschaft heraus den nächsten, diesmal erfolgreichen Putsch zu organisieren. Obwohl Thulan Wandor die Macht des Großkönigtums Poseidonis zur Verfügung stand und er sich durch Verträge mit den Aveniern absichern konnte, hatte er es nicht gewagt, gegen die Botschaft von Eonata vorzugehen und sich seines gefährlichen Rivalen zu entledigen.

Endlich an die reale Macht gekommen, führte Mejir II. das fort, was seine Vorfahren begonnen hatten: Bis 2.602 hatte er. alle noch unabhängigen Gebiete von Atlantis in sein Reich eingegliedert und krönte sich als Krateros I. zum Kaiser von Atlantis. Aus Protokollen seiner Ratssitzungen geht hervor, daß er als Kaiser durchaus weiter Ausschau nach lohnender Beute hielt. So wurden eigene Kolonien in den Westlanden oder den Südlanden erwogen, jedoch rieten sämtliche Berater immer davon ab, weil diese das gerade geeinte Reich in Konflikt mit den mächtigen meidonischen Staaten bringen würde. Krateros I. folgte seinen Beratern, auch wenn er diese wegen ihrer zögerlichen Haltung des öfteren in den Kerker werfen ließ.

Aus den Aufzeichnungen geht hervor, daß „ein Barbar aus dem östlich gelegenen Land Eonata“ dem Kaiser sogar als Minister diente. Er „beriet Seine Majestät bei der Ausarbeitung der neuen Reichsordnung“ und „half dem Kronprinzen bei der Ertüchtigung seines Körpers“. An dieser Reichsverfassung, der weitgehend heute noch gültigen Krateridischen Ordnung, wirkten also Experten aus Eonata mit. In der Chronik steht sogar, daß eine Abschrift der Verfassung zur Durchsicht an die Universität Eonata geschickt wurde und betont danach stolz, daß die Universität nur sechs Änderungsvorschläge erarbeitet hatte, als die Antwort in Poseidonis eintraf.

Während des gesamten 27. Jahrhunderts blieb das Verhältnis zu Eonata eng, selbst als 2.690 auf Meidon der große Krieg ausbrach. Das hinderte Krateros III. jedoch nicht daran, seine Leute als Söldner an die meidonsichen Staaten zu verkaufen und insgeheim weitergehende Pläne zu entwerfen. Sein Sohn hegte gegenüber Eonata jedoch andere Gefühle.

2.702 begann der Siegeslauf von Sergon Talestra, einem atlantischen Söldner, der es in avenischen Diensten bis zum General gebracht hatte. Unter seiner Führung vereinigten sich die Söldner und putschten gegen ihre ausgebluteten bisherigen Auftraggeber. Mit schnellen, harten Schlägen unterwarf Sergon ab dem 16.3.2703 ein meidonisches Reich nach dem anderen. Eonata selbst wurde am 12.4. kampflos besetzt. Die eonatischen Truppen standen in der Verteidigung von Leonia.

Laut der Chronik wollte Sergon Talestra dort die Überlegenheit seiner Kriegskunst beweisen und griff mit völlig unvorbereiteten Truppen an. Jedoch liest man auch die Version, daß der General mit den Eonatern schon über eine Kapitulation verhandelte, Imperator Krateros IV. jedoch auf den Angriff und die Vernichtung dieser Truppen bestand. Jedenfalls starben während der Erstürmung von Leonia vom 20. bis zum 27. Vellon 2.704 etwa 280.000 Menschen, davon 237.098 Atlanter. Als Folge dieser Schlacht fiel der bisher sehr populäre General Talestra bei seinem Kaiser in Ungnade. Als Randnotiz sei noch erwähnt, daß damals ein Leutnant Osar Tarulon zum Baron erhoben wurde, der Stammvater der späteren Tarulonischen Dynastie.

In der Folgezeit erlebte Eonata eine harte Besatzung. Auf kaiserlichen Befehl kamen in die Stadt nur Elitetruppen, die alle DAS BLUT besaßen. (Diese Eigenschaft war damals weit verbreitet, laut Chronik bei etwa der Hälfte der atlantischen Bevölkerung.) Zudem mußte sich die Universität Eonatas für atlantische Studenten öffnen und sogar spezielle Aufbaustudiengänge einrichten.

Trotz allem erlebte die Stadt unter der Besatzung eine wissenschaftliche Blüte. Der größte Wissenschaftler, den Eonata je hervorgebracht hatte, Tschandor Ferghi, stand kurz vor der Entwicklung des Fusionsreaktors. Am 22. Paltas 2731 sollte sein Reaktor das erste Mal angefahren werden. Die gesamten wissenschaftlichen und technischen Unterlagen dieses Reaktors waren vom atlantischen Sicherheitsdienst kopiert und nach Poseidonis geschickt worden, sie lagern heute noch im Staatsarchiv von Atlantis.

Der Reaktor erwies sich jedoch als Fehlkonstruktion. Er explodierte und zerstörte die Stadt in einer atomaren Feuerhölle. In Folge dieser Explosion kam es zur Großen Katastrophe, die ebenfalls in den Geschichtsbücher verschwiegen wird. In den Jahren bis 2.752 sterben über drei Milliarden Menschen, etwa 95% der Weltbevölkerung.

Nach dieser Katastrophe wurde wissenschaftliche Forschung von der atlantischen Regierung nur unter schweren Auflagen geduldet.